Erinnerungen Header

Wenig weihnachtliche Erinnerungen

Gerade noch in vorweihnachtlicher Stimmung, plumpste mir eine komische Erinnerung ins Bewusstsein…

Also mit Erinnerungen verhält es sich doch wirklich seltsam oder nicht? Sie kommen und gehen, wie es ihnen beliebt. Einige Erinnerungen sind mir einfach verloren gegangen, so sehr ich mich auch bemühe mich wieder zu erinnern. Verschollen in den Untiefen des Gehirns. Und andere tauchen immer wieder auf, obwohl man sie am liebsten endlich los wäre. Erinnerungen können gekoppelt sein an Gerüche, Orte, Worte, Lieder, Farben und an was weiß ich nicht noch alles. Manche Erinnerungen sind wertvoll, andere grausam. Und ich glaube, die Art der Erinnerungen, die sich bei uns aufgehoben fühlen zeigen auch, wer wir sind und wie wir denken und fühlen.

Erinnerungen sind schon wirklich kurios dann und wann

War ein ganz normaler Tag. Ich hörte gerade eine schön-schnulzige Weihnachtsschallplatte von Elvis Presley und räumte auf. Nebenbei dachte ich über einen geplanten Blogbeitrag nach. Eigentlich ging es in diesen Gedanken auch um Erinnerungen. Viele kleine Gedanken-„Post its“ habe ich beim Staubsaugen an meine Gehirnzellen gepappt und war richtig guter Dinge. Eigentlich stand der Beitrag schon fast.  Über Weihnachten, früher, Rituale und all die Dinge, an die ich mich noch einmal ganz bewusst erinnern wollte.

Ganz kurios! Mit einem Male erinnert ich mich an eine Szene aus dem Jahre 1994, die so gar nichts mit Weihnachten und dem zu tun hatte, mit dem ich mich gerade beschäftigte. Kindesentführung und das  miese Gefühl von früher, was ich damals schon hatte, als ich erfuhr, dass ich praktisch „daneben“ stand. Ich stand buchstäblich still und fragte mich wo denn bitte schön auf einmal diese Erinnerung her kam? Wenn ich an Partys gedacht hätte vielleicht oder an Sommer oder an Ausflüge – Ja, dann hätte ich mir das erklären können. Aber ich war gerade mit Krippen, Bäumen, Keksen und Liedern beschäftigt.  Ich ging an meinen PC und googelte erst einmal nach, ob es diese Entführung wirklich gab oder ob mir meine Erinnerung einen Streich spielte. Und das seit über 20 Jahren.

Das Mädchen in der Ruhrtalbrücke

Ja, mit Erinnerungen verhält es sich wirklich komisch ab und an. Ich frage mich schon den ganzen Tag, wieso sie wieder einmal aufgetaucht ist. Es war Mai 1994. Eine Zeit, in der ich gerade damit beschäftigt war auszubrechen und an die ich mich zu Weilen ohnehin nicht gerne erinnere. Ich befand mich seit einer Veranstaltung vom 30. April im Ruhrpott und hatte eigentlich nur eines im Kopf: Freiheit und Verschwinden. Etwas makaber, wenn ich darüber nachdenke.

Irgendwann um den 14. Mai herum war ich bei einer Bekannten in Mülheim an der Ruhr und wir fuhren unter die  Ruhrtalbrücke. Sie wollte mir etwas Gutes tun. Ein traumhafter Ausblick ins Tal und fast die ganze Brücke.  Sie machte die Autotüren weit auf, das Radio laut und die Maisonne strahlte mit ihr um die Wette. Ich stand neben dem Auto, schaute mir die Gegend an, lauschte der Musik und fühlte mich eigentlich ganz wohl. Aber ich weiß es noch wie heute, dass sich in mir wie auf Knopfdruck ein seltsames Gefühl breit machte, wie ich so die Brücke entlang schaute. Ich blickte einen Moment, in dem irgenwie die Zeit still zu stehen schien, das Tal runter, die Brücke entlang und alles fühlte sich auf einen Schlag anders an. Ich schüttelte den Moment dann aber ab und genoss den Tag und  freute mich meines Lebens. Nach einer Stunde fuhren wir wieder.

Am 16. Mai waren die Nachrichten voll davon, dass man das am 5. Mai entführte Mädchen, Manuela Schneider, in einem der Ruhrtalbrückenpfeiler gefunden habe. Wo genau erfuhr ich damals nicht, aber ich war baff. Und jedes Mal, wenn ich mich an diese Nachricht erinnerte, beschlich mich ein mieses Gefühl:“Mensch, du stehst da oben und feierst fröhlich dein Dasein. Genießt deine Freiheit und übst dich im Verschwinden, während in einem  dieser  Pfeiler vor deiner Nase 11 Tage lang ein Mädchen gewaltsam festgehalten wurde.“ Deswegen nannte ich es auch vorhin makaber.  Früher habe ich immer gedacht, wenn wir doch nur leiser gewesen wären, hätten wir dann vielleicht Hilferufe gehört? Mittlerweile weiß ich, dass das ein unsinniger Gedanke war, denn bei der Entfernung zu den Pfeilern und den Autos darüber ein Ding der Unmöglichkeit.  Aber trotzdem fühlte ich mich jedes Mal schuldig, kaum dass diese Erinnerung wieder auftauchte. Ich war frei. Sie nicht. Ich wollte verschwinden. Sie nicht. Mich hat das wohl nie ganz los gelassen. Wieso tauchte es wohl sonst immer mal wieder auf? Mit immer dem selben schlechten Gefühl. Mit immer den selben Gedanken. (Hier gibt es den  Fall zum Nachlesen)

Ja, Erinnerungen können seltsam sein. Erst heute, nach über 20 Jahren, habe ich mir die Informationen aus dem Internet geholt, die ich nie hatte. Nun weiß ich zum Beispiel, dass ich offensichtlich wohl an der Nordseite dieser Brücke stand, während man das junge Mädchen  im Wartungsraum des  2. Pfeilers der Südseite gefunden hatte. Also praktisch der ganz anderen Seite der 1830 Meter langen  Brücke. Dort kann ich nicht gestanden haben. Es ist viel zu dicht bewaldet und ich hatte eine freie Sicht. Die hat man nur auf der Nordseite. Gott sei Dank muss ich da sagen. Wenn ich heute tatsächlich eine Bestätigung dafür bekommen hätte, dass ich nur 1 Pfeiler von dem Mädchen entfernt gestanden hätte, wäre das eine unschöne Bestätigung geworden. So aber fühlt es sich ein wenig danach an, als könne ich eine Erinnerung, die mich 21 Jahre lang immer wieder mit Beklemmungsgefühlen zurückließ, abschließen.  Es bleibt in mir nur die Frage zurück wieso gerade heute? Und was sagt diese Erinnerung über mich als Menschen aus? Also ganz ehrlich, jetzt hätte ich gerne spontan mal einen Analytiker hier, der mir das in Worte fasst, was nur in Fetzen vorhanden ist. Ich werde ja sicherlich nicht der einzige Mensch gewesen sein, der an dem Tag dort entlang ging oder fuhr. Aber schleppen das alle anderen auch seit 21 Jahren mit sich herum?  Vielleicht ist das auch schon das ganze Geheimnis. Es ist eine schreckliche Sache, die man niemandem wünscht und die man niemals selbst erleben will und man würde hoffen, schnell und gesund gefunden zu werden. Und ich hätte mir gewünscht doch näher dran gewesen zu sein und eine Ahnung gehabt zu haben. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert und mediale Fähigkeiten wachsen leider nicht auf dem Baum. Aber wer weiß das schon… vielleicht war das ungute  Gefühl aus buchstäblich heiterem Himmel  ja doch so etwas. Etwas, das sich von einer Seite der Brücke auf die andere Seite der Brücke einen Weg zu mir gebahnt hatte…

Schon seltsam welche Erinnerungen ein Mensch behält und welche nicht…

8 Gedanken zu “Wenig weihnachtliche Erinnerungen

  1. Kerstin schreibt:

    Hi Tanja,

    grundsätzlich behält der Mensch ja die schönen Dinge in Erinnerung und verdrängt die unschönen. Und das ist gut so, sonst würde zum Beispiel keine Frau ein zweites Kind bekommen ;-) Die Erinnerung, von der du hier erzählst ist ganz schön gruselig.

    Liebe Grüße
    Kerstin

    • MissTique schreibt:

      Hallo Kerstin,

      schön wäre es, wenn man deine Aussage einfach nur lächeldn abzunicken bräuchte, aber so ist es leider nicht.

      Erinnerungen, die mit starken oder stärkeren Emotionen verbunden sind, behalten wir eher. Diese Kopplung erhöht die Chance, dass Erinnerungen langfristig im Gedächtnis bleiben. Ob es sich dabei um als positiv oder negativ empfundene Emotionen handelt, spielt für das Erinnern ansich keine Rolle.
      Das Thema Verdrängung steht auf einem ganz anderen Blatt.
      Und hat neben der vermeintlichen Schutzfunktion noch andere Aufgaben/Gründe.

      Aber, dass ich mich an derartiges erinnere, zeigt das, was ich oben meinte: es zeigt was man für ein Mensch ist. Wie man emotional tickt. Was einem nahe geht. Und all die zahllosen anderen Fassetten (s)eines Daseins.

      Liebe Grüße,
      Tanja

      PS. das „Vergessen“ des Geburtsschmerzen fällt wohl unter das uns überlebensfähig machende „kreative Vergessen“ unseres Gehirnes. Obgleich es genügend Frauen gibt, die „Einmal und nicht wieder!“ auch vertreten, da hat das dann wohl nicht so funktioniert ;) Bei allen anderen ist das wohl wie Zahnschmerzen: schlimm wenn da und egal, wenn weg. Wie mit allen Schmerzen eigentlich.

  2. Nikolaus schreibt:

    Leider muss ich feststellen, dass ich immer mehr vergesse. So sehr ich es mir wünsche, vieles ist weg. Auch Dinge, welche erst wenige Jahre her sind. Wenn ich jetzt mein Leben beschreiben müsste: es geht immer nach vorne, ich blicke nicht zurück. Es gibt niemanden über mir und nichts ist unmöglich: wir sind mit einem Taschenrechner zum Mond geflogen.

    • MissTique schreibt:

      Hallo Nikolaus,

      Es geht hier nicht um das bewusste nicht nach hinten (und lieber nach vorne) schauen.
      Es ist nur eine Erinnerung.
      Meine Erinnerung.
      Völlig abgekoppelt von „bewusst“. War einfach da. Vielleicht wenn man vom Wesen her ein „Nach Hinten Gucker“ ist. Mache ich bewusst sehr oft. Des Wohlgefühls wegen. Hinten ist was bekanntes. Vorne was unbekanntes. Für mich ist hinten oft wohliger als vorne. Sicherer.
      Hinten ist ebenso wichtig wie vorne. Wobei vorne eine varriable Unbekannte darstellt. Und hinten einen belasten kann. Man braucht beides.

      Zitat Zeit.de:“Manchmal reicht schon ein Wort, ein Stadtname, ein Timbre, der Duft eines Parfüms, der Fetzen einer Melodie oder eben der Geruch gemähten Grases aus, um in die Fantasieströme des eigenen Märchenreichs einzutauchen. Auf einmal steigen aus den Tiefen mirakulöse Details auf – weder weiß man, von wem, noch, aus welchem Teil sie kommen. Es ist einer der rätselhaftesten und magischsten Momente, wenn den Menschen eine affektiv besetzte Sinnesempfindung erneut überwältigt. Plötzlich verlässt er Raum und Zeit und reist zurück in die Vergangenheit. Er macht sich das Verinnerlichte selbst zugänglich. Er erinnert.“

      Fand ich sehr passend.

      Und wenn du nicht mehr zurückblickst, dann gebe ich dir eine Sache mit auf den Weg:
      „Man könnte sagen: Das ganze Leben besteht aus Erinnern. Ohne Erinnerung ist eine persönliche Identität nicht möglich. Oder wie der Gedächtnisforscher und Psychologe Daniel Schacter von der Harvard University schlicht resümiert: »Wir sind Erinnerung.«“

      Aber wie gut, dass wir alle Erinnerungen haben. Auch du. Wenn auch nicht alle. Die für die Persönlichkeit relevanten bleiben. Zum Wachsen, Lernen und mehr. Ob und wie man sie nutzt, ist dann nach Gusto oder Relevanz.

  3. Sabienes schreibt:

    Grundsätzlich sollte man seine Erinnerungen schon pflegen, weil sie einem zu dem gemacht hat, der man ist. Andererseits darf man sich auch nicht zu sehr von ihnen vereinnahmen lassen, auch wenn man ein solches Erlebnis gehabt hat, wie du es schilderst.
    LG
    Sabienes

    • MissTique schreibt:

      Hallo Sabienes,

      da gebe ich Dir Recht.
      Dagegen habe ich in meinem Beitrag auch nichts gesagt.

      Erinnerungen zu pflegen, zu verdrängen, wegzuschließen oder zu verarbeiten (je nach Gusto) ist erst der zweite Schritt, nach dem ersten.
      Diese „Querschläger aus dem Nichts“ finde ich persönlich aber am spannensten.

      :)

      Liebe Grüße

  4. Tanja L. schreibt:

    Ich komme aus Mülheim und war damals 12 Jahre alt. Mein Vater ist jeden Tag über die Brücke zur Arbeit gefahren, am Wochenende sind wir oft in unser Ferienhaus, auch über die Brücke. Ich denke da auch ab und an dran wenn ich über die Brücke fahre, aber auch eher selten.
    Ich erinnere mich heute noch an die Stimme meiner Cousine, die 1994 bei einem Motoradunfall in Griechenland gestorben ist und auch daran, wie sie ausgesehen hat. Aber meinst du, ich kann mich an die Namen der Kollegen erinnern, mit denen ich noch vor zwei Jahren zusammengearbeitet habe? In spätestens 3 Monaten werde ich 60% der Namen der KOolegen vergessen haben, mit denen ich dieses Projekt so viel zu tun hatte, in nem Jahr erinnere ich mich wahrscheinlich nur noch an drei oder vier Leute.
    Bücher sind auch so ne Sache, oder Filme. Ich kann einen Film oder ein Buch nach ein paar Wochen wieder schauen/lesen und es ist wie das erste Mal. Sehr komisch… Eigentlich hab ich Kopp wie Sieb, ist schon traurig, dass ich so viel vergesse…

    • MissTique schreibt:

      Hallo Tanja!
      Das was du schilderst ist ein gutes Beispiel für das was ich meine mit; das was wir uns merken zeigt wer wir sind und wie wir ticken.
      Dass mein Kollegen vergisst – so what!
      Wenn sie nicht essenziell für das eigene Wesen sind, dann ist das völlig in Ordnung.
      (stell dir vor du müsstest dir die alle merken, dein armes Hirn! Das Hirn weis halt um „wichtig und unwichtig“)
      Aber sicher wird es einen oder auch zwei Menschen geben, an die man sich noch länger erinnert.
      Weil sie irgend etwas gemacht oder gesagt haben, was einem „im Gedächtnis bleibt“.
      Etwas, das einem etwas bedeutet, einen weiterbringt oder in einem nachhallt.
      Bücher und Filme werden heutzutage konsumiert „wie Kaffee“; achtlos und zu viel :)
      Geht mir ebenso.
      Ganz liebe Grüße

Kommentar schreiben

Hirschel Cosmetic - Naturkosmetik Onlineshop